Dieser Text ist Teil eines Beitrags zur Festschrift zum 75-jährigen Schuljubiläum 1989 von Heinrich-Ferdinand Reinhardt
»Mit 30 Jahren noch Student?« - Unter dieser Uberschrift wurde in der am 30. Dezember 1966 erschienenen 15. - und anscheinend bislang auch letzten - Ausgabe des »Mitteilungsblattes des Vereins der ehemaligen Schüler des Clemens-August-Gymnasiums« ein »Diskussionsbeitrag" zu einer damals mit großem Engagement geführten öffentlichen Debatte »über die Verkürzung der Ausbildungszeiten« abgedruckt. Dieser Artikel, die Kurzfassung eines vorher in Hannover gehaltenen Vortrages, enthielt auch Vorschläge zu einer Umgestaltung des sog. Allgemeinbildenden Schulwesens, die wie folgt umschrieben wurden. »1. Einschulung der Kinder mit sechs Jahren als Regel, mit fünf Jahren als zulässige Ausnahme für Begabte und Frühentwickler. Möglichkeit der Verkürzung der Volksschulzeit auf drei Jahre, etwa durch Überspringen der für alle Begabten langweiligen dritten Klasse. 2. Oberschule und Grundwehrdienst sollten zusammen nicht mehr als 10 Jahre dauern, so daß der Normalstudent mit etwa 20 Jahren sein Studium aufnehmen könnte. Zu denken ist an die Schaffung einer einjährigen Dienstzeit für Abiturienten.« Die Vorschläge betraten darüberhinaus auch noch die Ausbildung an den Universitäten sowie die sog. Vorbereitungszeit für junge Akademiker. Den Schluß des Artikels bildete der beschwörende Hinweis: »Nur wenn man sich an so radikale Eingriffe heranwagt, kann wirklich etwas erreicht Der Abdruck dieses Artikels darf als Beleg dafür angesehen werden, daß man auch in der unmittelbaren Umgebung des Clemens-August-Gymnasiums offensichtlich von der Notwendigkeit einer umfassenden Reform des gesamten Bildungswesens überzeugt war, auch wenn man sicherlich nicht pauschal damit rech- nen darf, daß man dort mit den in dem Artikel vorgetragenen konkreten Vorschlägen in jedem Punkte einverstanden war.
Ein wichtiger Impuls zu dem Meinungs- und Stimmungsumschwung in der Re- formdiskussion hatte sich wohl daraus ergeben, daß die Schule im Laufe des Jahres 1966 über 90 Abiturienten entlassen hatte, eine Zahl, die nahezu doppelt so groß war wie in den vorangegangenen Jahren. Dieser sprunghafte Anstieg der Abiturientenzahl war zwar im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß auf der Grundlage einer neuerlichen Verlegung des Schuljahreswechsels auf den Sommer und bedingt durch die damit verbundene Einführung von zwei Kurzschuljahren sich in dem Jahr zwei Schülerjahrgänge einer Reifeprüfung hatten unterziehen müssen; aber der deswegen bundesweit zu beobachtende Anstieg der Zahl der Studienanfänger hatte dazu geführt, daß man dem Problem der Kapazitätsüberlastung der öffentlichen Bildungseinrichtungen vor allem in der Medienöffentlich- keit besondere Aufmerksamkeit zu schenken begann.
Trotz der im Jahre 1965 erfolgten Gründung des Gymnasiums Löningen, nach dem Gymnasium Friesoythe bereits des zweiten öffentlichen Gymnasiums innerhalb des früheren Einzugsbereichs des Clemens-August-Gymnaşiums, dessen Schülerzahlen auch nach der Mitte des Jahrzehnts weiter angestiegen, von 786 zu Beginn des Schuljahres 1965/66 auf 1059 Schülerinnen und Schüler - seit dem Jahre 1964 nahm die Schule erstmals seit dem Jahre 1947 auch wieder Mädchen auf — zu Beginn des Schuljahres 1968/69. Weder der im Jahre 1964 eingeweihte Anbau noch der zu Beginn des Schuljahres 1968/69 errichtete Pavillon reichten aus, um der scheinbar unaufhaltsam anwachsenden Schülerflut Herr zu werden, so daß wie in den Notzeiten des Ersten Weltkrieges, des Zweiten Weltkrieges und der ersten Nachkriegsjahre wieder auf außerhalb gelegene Räumlich- keiten zurückgegriffen werden mußte, um alle Schüler unterbringen zu können, auf einzelne Klassenräume der benachbarten St. Augustinusschule bzw. der 'Berufs- und Handelsschule. Es erwies sich deshalb als unerläßlich, entweder die Errichtung eines größeren Gebäudes für das Clemens-August-Gymnasium oder gar die Gründung eines weiteren Gymnasiums in der Stadt ins Auge zu fassen. Bei einer Neugründung war eher mit neuen Personalzuweisungen seitens der Schulaufsichtsbehörde zu rechnen, so daß zusätzlich zu der räumlichen Entlastung zumindest mittelfristig auch Verbesserungen im Personalbereich erwartet werden durften. Daher entschied man sich nach intensiven Beratungen im Rat der Stadt Cloppenburg und auch im Kreistag für die zuletzt genannte Alternative und reichte am 31. Januar 1969 beim Kultusminister einen entsprechenden Antrag ein, der bereits am 26. November 1969 mit Wirkung vom 1. August 1971 an genehmigt Trotz der vielerorts spürbaren Bereitschaft der Politiker aller Parteien und der Behörden, in erheblichem Umfang öffentliche Mittel für Verbesserungen im Bil- dungsbereich bereitzustellen, verstummten die lautstarken Forderungen der demonstrierenden Studenten und Schüler nach umfassenden Reformen im Bildungswesen jedoch keineswegs, sondern nahmen an Heftigkeit eher noch zu. Auch die öffentlichen Diskussionen über die kurz vor ihrer Verabschiedung stehenden Notstandsgesetze wirkten sich verschärfend auf den studentischen Protest und den Ruf nach Gesellschaftsveränderung aus, die man besonders durch eine revolutionäre Veränderung des Bildungswesens erreichen zu können glaubte. Hierbei wird man freilich berücksichtigen müssen, daß die besagten Entwicklungen den jugendlichen Protest wahrscheinlich nur auslösten und eskalieren ließen, aber kaum verursacht hatten. Das Mißtrauen der politisierten Jugend gegenüber der älteren Generation und den Politikern der etablierten Parteien schwelte wohl schon länger. Das plötzlich erwachende Interesse an der Bewältigung der nationalsozialisti- schen Vergangenheit, dem gelegentlich auch die politische Absicht zugrundelag, die große Koalition so rasch als möglich wieder auseinanderbrechen zu lassen, insofern sich die entsprechenden publizistisch-politischen Bemühungen vorzugsweise auch der Person des damaligen Bundeskanzlers K.G. Kiesinger bemächtigte, hatte zur Folge, daß von vielen jüngeren Menschen die politisch-moralische Autorität von Lehrern, Politikern und Professoren, soweit sie den Nationalsozialismus dem Alter nach noch wenigstens als Jugendliche miterlebt hatten, grundsätzlich in Frage gestellt wurde, besonders in Fragen von Bildung und Erziehung. In den Bundeslandern kam Bewegung in die Schulpolitik, und auch in Niedersachsen wurden erste Schritte zu einer currikularen Reform im höheren Schulwesen unternommen. Ihre ersten Auswirkungen wurden am Clemens-August-Gymnasıum etwa zur gleichen Zeit spürbar, als in Cloppenburg die Diskussion über die Gründung des Gymnasiums II in ihr entscheidendes Stadium eintrat, im Laufe des Jahres 1968. Darüber teilte Dr. B. Gertzen, der damalige Schulleiter, in einem Elternbrief folgendes mit: »Durch eine Verfügung des Herrn Präsidenten des Verwaltungsbezirks Oldenburg ist für das Cloppenburger Gymnasium die Niedersachsiche Form des altsprachlichen Gymnasiums eingetührt worden. Bisher galt die Regelform: Kl. 5 Latein, Kl. 7 Englisch, Kl. 9 Griechisch. Nach der Niedersächsischen Form beginnt der Sprachunterricht in Kl. 5 mit Englisch (5 Std.), in Kl. 7 erst kommt Latein (5 Std.) dazu, und Griechisch wird wie bisher von Kl. 9 an gegeben.«
Es sei daran erinnert, daß die oldenburgische Regierung elf Jahre zuvor eben diese Regelung entschieden abgelehnt hatte. Und nicht weniger aufschlußreich für das Ausmaß der allgemeinen Zustimmung; derer sich bereits zu diesem Zeitpunkt der Reformgedanke auch in tendenziell zum bildungspolitischen Konservativismus neigenden Kreisen erfreute, ist die Tatsache, daß Dr. B. Gertzen, der diese Neuregelung früher ebenfalls abgelehnt hatte, dafür jetzt sogar Formulierungen einer ausdrücklichen Billigung gebrauchte: »Diese Umstellung war mit der Eingangsstufe notwendig geworden. Bisher waren nämlich die Schüler mit Latein als erster Fremdsprache benachteiligt, denn wenn sie in der Eingangsstute Schwierigkeiten hatten, war ihnen der Übergang zur Realschule oder Hauptschule mit Englisch als Fremdsprache verwehrt. Um die mit der Eingangsstufe verknüpften Absichten voll wirksam werden zu lassen, muß auch das altsprachliche Gymnasium mit der Fremdsprache Englisch beginnen.«
Die Neuregelung entsprach also einem Sachzwang, den auch Dr. Gertzen anzuerkennen sich genötigt sah, wenn auch vielleicht nur deswegen, weil schon damals als Alternative zu der schulformbezogenen »Eingangsstufe« die schulformunabhängige Orientierungsstufe im Gespräch war und konservativen Bildungspolitikern und -fachleuten eine möglichst rasche und reibungslose Einführung der Ein- gangsstufe als das geeignetste Mittel erschien, die Einführung der Orientierungsstufe, die man als ersten Schritt auf dem Wege zur Verwirklichung eines flächendeckenden Systems von integrierten Gesamtschulen ansah, abzuwenden. Tatsächlich wurde durch die Veränderung in der Fremdsprachenfolge nicht nur für die Einführung der Förderstufe ein wichtiges Hindernis aus dem Wege geräumt, sondern, wie sich bald zeigen sollte, auch für die Orientierungsstufe. Die Verwirklichung gerade dieses Reformvorhabens erwies sich in organisatorischer Hinsicht als völlig unproblematisch, obwohl politisch dagegen umso heftiger polemisiert wurde. Der politische Widerstand ergab sich in diesem Fall aus der Tatsache, das seit dem Jahre 1970 an der Spitze des Kultusministeriums ein Politiker stand, der in besonderem Maße verdachtigt wurde, Schulpolitik nicht mehr nur als ein Mittel zur Schaffung gleicher Bildungs- und Ausbildungschancen für die Angehörigen aller gesellschaftlicher Schichten anzusehen, sondern als Mittel einer staatlich gelenkten Veränderung der bestehenden Gesellschaft.
Der Sozialdemokrat P. von Oertzen sah tatsächlich die Orientierungsstufe als Vorstufe zur Einführung der Integrierten Gesamtschule an. Dennoch hielten sich die Widerstände gegen diese Reform in der Praxis in engen Grenzen, da sie u.a. für die Gymnasien mit erheblichen personellen und räumlichen Entlastungen verbunden war. Das gilt auch für das Clemens-August-Gymnasium. Denn nachdem das im Jahre 1971 offiziell eröffnete Gymnasium II in das neu errichtete Schulzentrum am Cappelner Damm umgezogen war, stand zwar seit Anfang des Schuljahres 1973 / 74 das Schulgebäude in der Bahnhofstraße nebst Anbau und Pavillon wieder ausschließlich dem Clemens-August-Gymnasium zur Verfügung; aber es wurde noch immer von 873 Schülerinnen und Schülern besucht, so daß der Unterricht nach wie vor unter großer räumlicher Beengung litt. Erst zu Beginn des Schuljahres 1974/75, als infolge des Aufbaus der Orientierungsstufen an der Schule erstmalig Klassen der Jahrgangsstufe 5 nicht mehr eingerichtet zu werden brauchten, sank die Schülerzahl auf 772, also auf eine Größenordnung, die in etwa derjenigen des Jahres 1964 entsprach.
Nichtsdestoweniger sprach aus einem Kommentar Dr. Gertzens zu der Einführung dieser Reform allmählich doch eine gewisse Resignation: »Das innerschulische Leben wird z.T. weitgehend bestimmt von Maßnahmen zur Bildungsreform und der damit verbundenen Unruhe und Unsicherheit. Der nach wie vor gravierende Lehrermangel verstärkt die daraus resultierenden Erscheinungen, und so muß man — im ganzen gesehen - feststellen, daß die Schule vorläufig an Form verloren hat, ohne daß der Kern bislang fester werden konnte. « Allerdings richteten sich diese Äußerungen gegen weitere Reformen, die sich bereits am Horizont abzeichneten. Seine Zukunftserwartungen formulierte er folgendermaßen: »ES wird die Aufgabe der kommenden Jahre sein, dem Gymnasium wieder ein klares Profil zu verschaffen und den Inhalt gymnasialer Bildung erneut zu beschreiben. Dabei muß man sicherlich von manchen vertrauten Vorstellungen und liebgewordenen Erscheinungen Abschied nehmen, es wird nicht mehr so viel von Erzie- hung gesprochen werden, sondern › Bildung ‹ wird im Mittelpunkt stehen, und auch dieser Begriff kann andere Akzente erhalten, umfassender werden und sich in Richtung auf Beruf und Praxis ausweiten, so daß › Bildung und › Ausbildung' einander durchdringen. - Möge dabei das humanum, ein Anliegen des alten Gymnasiums, nicht zu kurz kommen!« Offenbar war es gerade dies, was er damals befürchtete. Und obwohl in dem Zitat die Reform der gymnasialen Oberstufe als solche noch nicht erwähnt wird, scheinen sich seine Befürchtungen hauptsäch- lich auf sie bezogen zu haben. Vorstellungen, nach denen die Auswahl der im schulischen Unterricht zu vermittelnden Inhalte wesentlich dem Verantwortungsbereich der zu Erziehenden und nicht der Erziehenden zuzurechnen war, waren mit der traditionellen padagogischen Theorie und Praxis, der sich auch Dr. Gertzen zeitlebens verpflichtet gefühlt hatte, nicht zu vereinbaren; so entschloß er sich, die praktische Verwirklichung dieser Reform anderen zu überlassen, insbesondere L. Klamt, dem ersten Oberstufenkoordinator des Clemens-August-Gymnasiums.
Zu Beginn des Schuljahres 1976/77 wurden die Schüler und Schülerinnen der Jahrgangsstufe 11 erstmalig nicht mehr im Klassenverband, sondern in von diesen selbst gewählten Lerngruppen, den Kursen unterrichtet. Die Verwirklichung dieser Reform warf in organisatorischer Hinsicht keine unlösbaren Probleme auf. Sie war von den unmittelbar zuständigen Behörden durch Lehrerfortbildungsveranstaltungen intensiv vorbereitet worden, ihre praktische Realisierung ging einher mit kaum zu übersehenden Fortschritten in der materiellen und personellen Ausstattung der Schule, den Lehrern wurden in bislang nicht für möglich gehaltenem Ausmaß individuelle Freiheiten bei der Unterrichtsgestaltung eingeräumt, und durch die Kooperation mit dem Gymnasium Il und mit der Liebfrauenschule konnte den Schülern ein großes Angebot für die individuelle Auswahl der zu belegenden Kurse unterbreitet werden. Seit Anfang des Schuljahres 1978/79 verfügte das Clemens-August-Gymnasium über ein voll ausgebautes kurssystem in der gymnasialen Oberstufe, — man bereitete sich damals erstmalig auf eine Abiturprüfung unter den Bedingungen des neuen Systems vor - so daß endlich die allgemeine Erziehungs- und Bildungsfunktion der Schule, wie es Dr. B. Gertzen sıch erhoffte, wieder ins Zentrum der pädagogischen Diskussion rücken konnte. Indessen sollte es diesem nicht mehr vergönnt sein, seine Erfahrungen und Anregungen in diese Diskussion mit einzubringen, da er zu diesem Zeitpunkt aus persönlichen Gründen aus dem Amte des Schulleiters bereits ausgeschieden war. Nach einer mehrmonatigen kommissarischen Verwaltung der Schulleiterstelle durch den bisherigen Oberstufenkoordinator Lothar Klamt war am 3. Februar 1918 J. Nardmann, der bislang in leitender Funktion am Staatlichen Studienseminar in Meppen tätig gewesen war, in das Amt des Direktors des Clemens-August-Gymnasiums eingeführt worden, das er auch noch heute innehat.