Dies ist ein Auszug aus dem Artikel "Das Clemens-August-Gymnasium im Spiegel der Zeit von 1914 bis 1989 - eine kleine Chronik der Schule" von Hubert Gelhaus anlässlich des 100jährigen Jubiläums im Jahr 2014.
Als der Pädagoge Georg Picht 1964 ein Buch mit dem Titel „Die deutsche Bildungskatastrophe“ veröffentlichte, war die Debatte um die Qualität der Universitäten und höheren Schulen in der Bundesrepublik eröffnet und zeitigte auch bald politische Folgen. Für die Flächenstaaten ergab sich daraus eine besondere Diskussion über den „Bildungsnotstand auf dem Lande“, die in Südoldenburg konkrete Folgen hatte. Nach der Gründung des Gymnasiums in Friesoythe im Jahre 1957 wurden in dieser Region in den 1960er Jahren drei neue Gymnasien errichtet, in Löningen (1965), Damme (1966) und Lohne (1968). Die angestrebte Erschließung der Bildungsreserven auf dem Lande führte mit einem enormen Anstieg der Schüler- und Abiturientenzahlen zu einer Bildungsexplosion, die einmalig in der Geschichte Südoldenburgs ist. Besuchten zu Beginn des Schuljahres 1965/66 noch 786 Schülerinnen und Schüler das Clemens-August-Gymnasium, waren es drei Jahre später zu Beginn des Schuljahres 1968/69 bereits 1059. Dr. Bernhard Gertzen, seit 1958 Direktor des Clemens-August-Gymnasiums, konnte 1966 über 90 Abiturienten das Reifezeugnis überreichen. War dieser Umstand auch weitgehend einer Verlegung des Schuljahreswechsels von Ostern auf die Sommerferien geschuldet, sodass in diesem Jahr nach zwei Kurzschuljahren auch zwei Schülerjahrgänge ihre Reifeprüfung ablegten, zeichneten sich bundesweit jedoch ein Trend zu höheren Schülerzahlen und ein Anstieg der Studienanfänger ab, der in der Öffentlichkeit kritisch gesehen wurde.
Vor dem Hintergrund dieser Zahlen sah sich die Kommunalpolitik vor die Alternative gestellt, das Clemens-August-Gymnasium baulich erheblich zu erweitern oder ein zweites Gymnasium mit einem eigenen Schulgebäude zu gründen. Sie entschied sich für die zweite Lösung, und bereits 1971 wurde das Gymnasium II unter der Leitung seines Initiators und Direktors Alwin Bergmann eröffnet und erhielt ein eigenes neues Domizil am Cappelner Damm. Aber auch nach der Ausgliederung des zweiten Gymnasiums besuchten zu Beginn des Schuljahres 1973/74 noch 873 Schülerinnen und Schüler das Clemens-August-Gymnasium. Ein Rückgang der Schülerzahlen und eine gewisse Entspannung in der Raumfrage setzten erst mit dem Aufbau der Orientierungsstufe ein. Als die Klassen 5 am Gymnasium nicht mehr eingeschult wurden, sank die Schülerzahl zu Beginn des Schuljahres 1974/75 auf 772. Die Zusammenlegung der beiden Gymnasien am 1. August 1984 stellte die Stammschule und ihren Leiter Johannes Nardmann vor große Probleme. Weniger die kurzfristig angestiegene Schülerzahl als vielmehr die überproportionale Unterrichtsversorgung mussten reguliert werden. Um Abordnungen von Lehrkräften zu vermeiden, wurden Kollegen befristet an andere Schulen abgeordnet und eine breite Palette von Arbeitsgemeinschaften aufgelegt. Durch diese konsensfähige Lösung wurde der Schulfrieden gewahrt.
Im Rückblick handelte es sich bei der Gründung des Gymnasiums II vielleicht um eine politische Überreaktion, denn Anfang der 1980er Jahre stellte sich bereits heraus, dass die Prognosen nicht realistisch gewesen waren. Die politische Konsequenz wurde auch dieses Mal schnell gezogen, das Gymnasium II 1985 wieder geschlossen und dem Clemens-August-Gymnasium angegliedert. Es hatte sich negativ auf die Zukunft des Gymnasiums II ausgewirkt, dass die Schule ein schulpolitisches Provisorium geblieben war.
Mit dem Aufbau der Orientierungsstufe mit Beginn des Schuljahres 1974/75 vertrat Niedersachsen als einziges Bundesland ein neues schulpädagogisches Konzept, um die Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 und 6 optimal auf die weiterführenden Schulen Hauptschule, Realschule und Gymnasium unter Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems vorzubereiten. Die Orientierungsstufe sollte schulformunabhängig die Eingangsstufe am Gymnasium für die Klassen 5 und 6 mit Englisch als erster Fremdsprache ersetzen, die an Stelle der Probewoche getreten war. Dadurch, dass die Schülerschaft zwar in leistungsbezogene Kurse unterteilt, aber zwei Jahre länger „unter einem Dach“ gemeinsam unterrichtet wurde, sollte sie nicht einer vorzeitigen sozialen Klassifizierung ausgesetzt werden. Die Orientierungsstufe, von der durchaus weitere bildungspolitische Impulse ausgingen, litt unter einem Dilemma: Es gab keinen „Orientierungsstufenlehrer“, das pädagogische Personal rekrutierte sich aus den bisherigen Schultypen, also auch aus den „abgebenden“ Gymnasien. Das war ein Manko, aber nicht der Grund, weshalb sie mit dem Schuljahr 2004/05 geschlossen wurde. Dieser Grund war in der Politik zu suchen.
Mit der Auflösung der Klassenverbände und dem Beginn des Kursunterrichtes in der gymnasialen Sekundarstufe II mit Beginn des Schuljahres 1976/77 begann ein Zeitalter der Reformen, das ohne Beispiel in der Geschichte des höheren Schulwesens in der Bundesrepublik ist. Es ist ein Ergebnis der bildungs- und schulpolitischen Debatten, die vor allem von der studentischen Protestbewegung seit 1968 angestoßen wurden. Es wurde deutlich, dass das traditionelle Konzept gymnasialer Bildung den neuen Herausforderungen in einer sich weiter differenzierenden und spezialisierenden Industriegesellschaft angepasst werden musste. Daraus entwickelte sich ein Konzept, das den Stellenwert der „Allgemeinbildung“ - was auch immer darunter zu verstehen ist - nicht aufgeben, aber die individuellen Fähigkeiten und Begabungen der Schüler stärker fördern und das gesellschaftspolitische Profil der Bildung stärken sollte.
Die Schulreformen seit den 1960/70er Jahren machten bald deutlich, dass die höhere Schule kein bildungsbürgerliches Privileg mehr war, sondern mitten in der deutschen Gesellschaft angekommen. Auch wenn sich ihre Klientel immer noch zu großen Teilen aus bildungsnahen, zumeist akademischen Schichten zusammensetzte, wurde der gesellschaftspolitische Stellenwert von Bildung neu erkannt und kontrovers diskutiert. Es wurde deutlich, dass die Schultypen Hauptschule, Realschule und Gymnasium berufliche Karrieren und soziale Aufstiegschancen vergeben, die der klassischen Hierarchie des dreigliedrigen Schulsystems entsprechen. Aufgrund der Erkenntnis, dass diese Reformen soziale Schichten in bildungsfernen Milieus oder - heute aktueller denn je - Familien mit Migrationshintergrund für das klassische Gymnasium kaum öffnen konnten, haben die schulpolitischen Debatten eine neue Richtung eingeschlagen. So wird heute zunehmend nicht nur der Wert gymnasialer Bildung als Elitenbildung, sondern das Gymnasium selbst in Frage gestellt. Die Diskussionen werden von ökonomischen Aspekten und von neuen pädagogischen und sozialen Fragen, die der beschleunigte Wandel der Gesellschaft im digitalen Zeitalter aufwirft, noch beflügelt.
Die Reformen, vor allem die - sehr zum Verdruss bei Lehrern, Eltern und Schülern - seit ihrer Einführung ständig fortgeschriebenen Reformen der gymnasialen Oberstufe, haben die höheren Schulen aber auch „gleicher“ gemacht, als sie vorher waren, und drohen ihr idealtypisches Profil, das aus ihrer Geschichte, regionalen Einbindung und ihrem bildungspolitischen Selbstverständnis erwächst, nach und nach anzugleichen. Diese Reformen hat das Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg genauso durchlaufen wie alle Gymnasien in Niedersachsen – und mit Erfolg, wie aus der Rückschau auf seine Geschichte von 1914 bis 1989 zu erkennen ist.