Dies ist ein Auszug aus dem Artikel "Das Clemens-August-Gymnasium im Spiegel der Zeit von 1914 bis 1989 - eine kleine Chronik der Schule" von Hubert Gelhaus anlässlich des 100jährigen Jubiläums im Jahr 2014.
Die Initiative zur Namensgebung ging vom Bischöflichen Offizial Bernhard Grafenhorst aus, der auch Vorsitzender des „Vereins ehemaliger Schüler“ war. Dieser Verein hatte bereits am 4. September 1948 den Beschluss gefasst, sich für die Namensgebung zu verwenden. „Kardinal Graf Clemens August von Galen ist ein Sohn unserer münsterländischen Heimat“, heißt es leitmotivisch im Schreiben Grafenhorsts an den Direktor des Cloppenburger Gymnasiums, er „war der unerschrockene Vorkämpfer für die Freiheit der christlichen Religion, für Freiheit, Leben und Würde des Menschen.“ Diese Worte sollten die historische Kontinuität im Geschichtsbild Südoldenburgs sichern helfen, indem der Widerstand von oben in der Gestalt des Kardinals und der Protest von unten im „Kreuzkampf“ des Jahres 1936 zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen.
Zu einem aussagekräftigen Zeitspiegel gerieten denn auch die Feierlichkeiten am 28. September 1949 in der Aula des Gymnasiums. Dr. Michael Keller, der Nachfolger von Clemens August auf dem Bischofsstuhl in Münster, verknüpfte mit der Namensgebung die Forderungen des südoldenburgischen Katholizismus:
„Gewiss wolle man den berechtigten Forderungen der neuen Zeit Rechnung tragen, aber die Wertung der langen Schultradition dürfe nicht vergessen werden. Er begrüße es außerordentlich, dass sich die hiesige Bevölkerung für die humanistische Bildung ausgesprochen habe. Die Erziehung müsse in der Religion verankert sein. Auch die höhere Schule müsse konfessionellen Charakter tragen.“
Ausdrücklich bestimmte der kommissarische Schulleiter Hermann Bitter zwei Jahre später bei der Enthüllung des Kardinal Graf von Galen-Denkmals von Paul Dierkes die weltanschaulichen Positionen der Schule, die sich aus dem Status quo der Nachkriegszeit ergaben:
„Das Standbild des Kardinals Clemens August von Galen ist nicht nur ein Symbol seines heroischen Kampfes, sondern auch ein Symbol für die tapfere Haltung des Südoldenburger Volkes, die es in schwerer und dunkler Zeit bewiesen hat. Zum Osten schaut das Bild des verewigten Kardinals. Einst kam von dort das Licht. Heute herrscht dort die Finsternis. Der Kampf ist nicht zu Ende, der Kampf um Glauben und Freiheit geht weiter.“
Vor dem Hintergrund von Ost-West-Konflikt und Kaltem Krieg hatten sich die politischen Fronten geändert und erwuchsen der Pädagogik neue weltanschauliche Aufgaben. An diesem Weltbild und Selbstverständnis änderte sich bis in die 1960er Jahre nur wenig. Als Ende der 1950er Jahre der Bau der heutigen Augustinus-Kirche erwogen wurde, gab Hermann Bitter, inzwischen Direktor des Clemens-August-Gymnasiums, für die Standortwahl der Kirche folgendes zu bedenken:
„Zwar gibt es nach einer neuen Entscheidung des Herrn Niedersächsischen Kultusministers grundsätzlich keine konfessionellen höheren Schulen, dennoch ist aber de facto das Clemens-August-Gymnasium im wesentlichen eine katholische Schule nach der konfessionellen Zusammensetzung der Schüler wie auch des Kollegiums.“
Die enge moralische Verbindung zwischen dem Gymnasium und der Augustinus-Kirche brachte Prälat Franz Morthorst, Kaplan an der St. Andreas-Kirche in Cloppenburg, anlässlich des zwanzigsten Todestages des Kardinals im Jahre 1966 auf die bündige Formel:
„Die Schule hat die beiden Namen Augustinus und Clemens-August auf ihre Banner geschrieben. Augustinus liebte die Glaubenszeugen. Clemens-August war ein Gottesstreiter. Die beiden großen Bischöfe waren harmonisch, sie standen sich nahe.“
Am inoffiziellen katholischen Charakter des Clemens-August-Gymnasiums sollte sich auf Jahrzehnte nur wenig ändern; er gehörte zum Grundkonsens der Schule, der gegenwärtig erst diskutabel erscheint. Und doch gab man in der Mitte der 1960er Jahre ein wichtiges pädagogisches Grundprinzip auf. Als sich das Clemens-August-Gymnasium für die Koedukation entschieden hatte, war es im eigentlichen Sinn keine höhere Schule für Jungen mehr. Dieser Schritt führte dazu, dass die Schülerinnen in Cloppenburg nun zwischen der Liebfrauenschule – noch eine höhere Schule für Mädchen – und dem Clemens-August-Gymnasium wählen konnten – sicherlich auch ein Grund, weshalb die Schülerzahlen am staatlichen Gymnasium seit Mitte der 1960er Jahre erheblich anstiegen. Die Koedukation am traditionellen Gymnasium für Jungen bedeutete ein wichtiges gesellschaftspolitisches Signal, dem weitere folgen sollten. Im Jahre 1973 schloss das Internat der Jugendburg St. Michael in Bethen seine Tore, ein bischöfliches Konvikt, das katholischen Jungen aus der näheren und weiteren Umgebung eine Unterkunft bot, vor allem aus dem Grund, dass eine tägliche Hin- und Rückfahrt zum Clemens-August-Gymnasium nicht gegeben war. Es war die Zeit angebrochen, als die traditionellen katholischen Milieus ihre Geschlossenheit nach und nach verloren.